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calendarJuly 8 2020

Methodologische Probleme handlungstheoretischer Stadtforschung

Die Verstandigung zwischen Sozialwi ssenschaft und Sozialgeographie bzw. die konse­ quente Integration der Sozialgeographie in die Sozialwi ssenscha ften ist  ein Postulat, das von Sozialgeographen des deutschen Sprachraums verschiedenster wissensc hafts­ theoretischer Ausrichtung in jiingster Zeit immer wieder  angesprochen  wurde I  und auch for die folgenden AuBerungen das G rundanliegen darstellt. Allerdin gs wurde bisher nicht in allen Fallen versucht, auf konseq uente Weise die dafiir notw endigen Voraussetzung en zu schaffen: Bereinigung der jeweils zen tralen T heori ebegr iffe, auf denen vergleichbare H ypoth esenformulierungen aufgebaut werden konnt en, sow ie Aufdeckun g der jeweiligen theoretischen Grundpr amissen und der methodolo gischen Prin zipien. Die nun folgenden Ausfiihrungen konnen diese Forde rungen natiirlich ebenfalls nicht in jeder Beziehung erfiillen; sie sind aber als die Skizzieru ng derjeni­ gen Probleme anzusehen, die bei der Anwendung handlungstheoretischer Ansatze im Bereich der Sozialraumforschung auftreten konnen. Ein ausfohrlicherer und breiter angelegter Versuch der Integrati on soziologischer Handlungstheor ie in die sozialgeo­ graphische Raumforschung wird in meiner Disser tation mit dem Arbeitstitel »Gesell­ schaftliches H and eln im R aum. U ntersuchungen zu Methodologie und Raumbegriff einer handlungstheoretischen Sozialgeographie « angestrebt. Im Folgenden soll eine erste Zwischenbilanz dieser Arbeit – unter besond erer Beriicksichtigun g der metho­ dologisch en Probleme bei der Analyse der urban en Lebensraume – vorgestellt werden.

Eine erste Voraussetzung for eine moglichst missverstandnisarme Diskussion und for die Betrachtung der Sozialgeographie als eine Dimension sozi alwissenschaftlicher Gru ndperspektive in der Erfahru ng van Welt, ist in der Aufarbeitun g mindestens ei­ niger wichtiger Definition smerkmale mit ihren methodologischen Konsequen zen zu sehen , die Verhaltens- und Handlungstheorie voneinande r abgrenzen.

MenschlichesTun in der Beschreibung van »Verhalten« und »Handeln«

Die Gegeniiberstellung van  »Verhalten « und     »H andeln« als begriffii che Grundkate­ gorien der Gesellschaftsanalyse iibersieht sehr oft, class es sich hier um zwei Beschrei­ bungsprinzipien menschlicherT atigkeit handelt.Welche methodolo gischen und (fach-) theoretischen Konsequ enzen die Anwendung dieser Interpretation sm uster menschli­ chen Tuns zur Falge hat , kann im Literaturvergleich psychologischer und soziologi­ scher Wissenschaftsproduktion seit den beiden grundlegenden Publikatione n van JOHN

Vgl. BARTELS (r968a, 1970a), HARD (1973a, 1981), BAHRENBERG (1979 ), EISEL (1980), W IRTH (1979, 1981), SEDLA CEK (1982) u. a.

148          Ontologie und Methodologie                Methodologische Probleme handlun gstheoretischer Stadtforschung                149

B.WATSON (»Psychologie, wie der Behaviorist sie sieht«, [1913]1968) und MAX WEBER (»Uber einige Kategorien der verstehenden Soziologie«, [1913]19516) im Jahre 1913 verfolgt werden.

Menschliches Tun in der Beschreibung von »Verhalten« b edeut et fi.ir den  klassi­ schen Behaviorismus, der von alien  kognitiven  Aspekten  menschlich en  Tuns  abstra­ hiert, soviel wie eine beobachtb are, d. h. sinnlich wahrnehmbare Tatigkeit, die in die Begriffe »Reiz« und »Reaktion« gefasst werden  kann. Einen  »R  eiz« kann dabei poten­ tiell jedes Objekt der physischen und  sozialen  Umwelt  darste llen; forschungspraktisch wird es dann zu einem solchen, so bald es ein Verhalten bewirkt (Zirkelschluss!). Als

»Reaktion« ist alles was das Lebewesen tut (WATSON 1968:39) zu betrac hten. Die damit verkniipfte  Reduktion  menschlichen  Tuns  auf  beobachtbare   physiologische  Prozesse soil im Sinne WATSONs und seiner Schuler, primar eine konsequente Anwendung na­ turwissenschaftlicher Methodologie ermoglichen; denn letztes Ziel behavioristischer Forschung ist eine wissenschaftliche Kontrolle von  Verhalten  derart,  class  bei  gege­ benen »Reizen« jederzeit und unter allen Umstan den die entsprechende Reaktion vorausgesagt werden kann.

In kognitiven  Verhaltenstheorien  wird  Verhalten  nicht  mehr   im  unmittelbaren R eiz-R eaktio ns-B ezug betrachtet, so ndern unter dem Aspekt der Reflexivitat, d. h. des Bewusstseins als Interpretation sfilter (Einstellung, Motivstru ktur, Anspruchsniveau usw.) von »R e izen «, die hier in der Beschreibung von Informationen als Ausloser menschlicher  Reaktionsaktivitat  aufgefasst  werden  –   in  einem  m.ittelbaren  Bezug .

»Verhalten<< wird in diesen Ansatzen allerding s zur theoriebegriffiich uninteressanten

»Worthulse, die alles –   vom. unbedingten  Reflex  bis zum (>m  entalen<)  Planen der Zu­ kunft umfassen soll« (GRAUMANN 1980:27).

Menschliches Tun in der Beschreibung von »Handel hingegen weist im Vergleich zur Reflexivitat der kognitiven Verhaltenstheorien mit Intentiona litat2 noch ein wei­ teres konstitutives Attribut der Definition auf. Als »H andeln « kann in allgemeinster Definition, ohne auf die Unterschiede in analytischer, hermeneutischer und phano­ menologischer Int erpretation naher eingehen zu konnen,  ein  solches  Tun  bezeich­ net werden, das als zielorientiert zu verstehen ist. Zurn rein au.Berlich beobachtbaren Verhalten kommen also die Aspekte der Bewusstheit und der Beabsichtigung hinzu. Menschliche Tatigkeit soil in dieser Konzeption »als Gegenstand bewusster Erwagung« (GIRNDT 1967=29), als spontaner, nicht restlos determinierte r, absichtlich entworfener und als innerlich (geistige Tatigkeit) und auBerlich  (beobachtbare  Muskeltatigkeit) vom Hande lnden herbeifi.ihrbarer Akt begriffen werden. In der einfachsten Formu­ lierung kann Han deln mit GEORG HENRIK v.WRlGHT definiert werden als »intentional eine Veranderung in der Welt zu bewirken oder zu verhindern« (1974:83).

Welcher dieser  zwei  Grundbegriffe  (Verhalten / Handeln)  schlie.Blich  zum  leiten­ den Prinzip der Gesellschaftsforschung, bspw. als  Sozialgeographie  wird,  hang t  davon ab, welche »Ziel se tzung oder Zweckbestim.mun g eine (Sozial)-Wissenschaft sich selbst

2 VgJ.A NSCOMBE (1957), v.WRIGHT (1974).

gibt« (GRAUMANN 1980:25), bzw. von welchem Erkenntnisinteresse sie im. Zusam.men­ hang mit ihrem Gesellschaftsbild geleitet wird.Vollig diffus zu  bleib en  scheinen  hin­ gegen diejenigenAnsatze, die prinzipiell am R eiz-R eaktions- Schem.a festhalten,  trotz­ dem aber vorgeben, menschlichesTun sei m.ehr als ein blo.B auf der Ebene sinnlicher Wahrnehm.ung erklarbarer Sachverhalt.3 Im allgemeinen versuchen diese Konzepte grundsatzlich unvereinbare Postulate des naiven Empirismus und der Phanom.eno­ logie  miteinander  zu  verknupfen.4  Insbesondere   in  der >behavioural geography< sind die Grenzen zwischen kognitiven (Umwelt-)Verhaltensansatzen und solchen For­ schungsstrategien, »deren wissenschaftstheoretischer Rahmen nicht klar wird << (H o n ­ HUBER 1981:235) nicht leicht erkennbar, wie man das insbesondere anhand von JOHN

R. GOLDS »Introdu ction to Behavioural Geography « (1980) feststellen kann.

Die gesellschaftsorientierte handlungs- und die individuumszentrierte verhaltens­ theore tische Sozialgeographie sind als zwei grundsatzlich voneinander abzugrenzende Forschungskonzeptionen zu verstehen. Die Erstere kann im R ahm en einer gesell­ schaftswissenschaftlichen Fragestellung wie in der Sozialgeographie selbst dann nicht

<lurch die Zweite ersetzt werden, wenn diese in der Lage ist, ihre wissenschaftstheoreti­ schen Schwierigkeiten ausz uraumen; und zwar  u. a. auch deshalb  nicht, weil sich  die H an dlung stheorie unter Beibehaltung ihrer Grundpramissen (reflexiv-intentional es Agieren) in keiner wissenschaftstheoretisch und logisch akzeptierbaren Art5 auf die Pramissen der Verhaltenstheor ie (de terminierbares, bestenfalls bew usst Informationen interpretierende s Reagieren) reduzieren lasst.Wie noch zu zeigen sein wird, im.plizie­ ren diese U nterschi ede auch methodo logische Konsequenzen.

Handeln als begriffliche Grundkategorie sozialwissenschaftlicher und sozialgeographischer Forschung

Menschliches Tun in der Interpretation als reflexiver und intentionaler Akt um.fasst, in nun genauerer Definition, die folgenden deskriptiven Begriffe:

den Handelnden

die Situation, in der der Akt stattfindet die Zielorientiertheit desAktes und

einen Selektionsfaktor, der als normative Orientierung die  ersten  drei  Elemente der Akt-Einheit kontro llier t vermi ttelt.6

3      Vgl. H ABERMAS (1970:125/f.) , GRAUMANN (1980 :25).

  • Vgl.WANN (1964), Ess ER e t al. (197p63ff.).
  • Vgl. SPINNER (1973).
  • Vgl. SCHtiTZ & PARsoNs (r9n 29).

150          Ontol ogie und Methodologie

Der Handelnd e kann insoweit als eine histori sche lndividualit at bezeichnet werden, als er eine immer je sp ezifische Kombination von sozialen Attributen (Positionen, Status, Rollen), Erlebnissen, Kenntnissen, Lebenszyklus- und R aumpositionen aufvveist. Da jeder H and elnde mit diesen Merkm alen beschrie ben werden kann, wird damit aber auch der Aspekt von Invarianzen angedeut et.

Dass Handeln irnmer in einer bestimmten Situation stattfi ndet, meint, class jeder Akt Zustanden unterworfen ist, die man im Sinne von ALFRED SCHUTZ  als »Be dingung« und »Mittel« weiter differenzier en kann. Als »Be dingung« sollen solche Elemente der Situation gelten, die der Handelnde  anhand  seiner  Erlebnisse  und  sein es Wissensvor­ rates zum Zeitpunkt des  H and elns  nicht  selbst  beeinflussen  und  kontrolli eren  kann, wie z. B. die naturraumlichen Gegebenheiten eines bestimmten Lebensraum es; der Marktmech anismus usw.; als »Mi ttel« hin ge gen sind diejenigen zu  be zeichnen , die unter Kontrolle des H andel nden stehen  oder for  ihn  mindestens  verfogbar  sin d,  z. B. die Hacke, um ein  Feld  zu  beackern;  eine  Geldsumm e  zum  Kauf  von  Giitern,  usw. Die Definition und Abgrenzung  von  Situationselem enten  als  Bedingung  und  Mittel kann in aller  Kon sequenz   »nur vom  Handelnd en selbst (vollzogen)  werden « (SCHUTZ & PARSONS I9 7T 57) , und zwar nur zum Zeitpunkt des Aktes.

Dass man einen Akt als z ielorientiert, bzw. zielintendi ert beschreiben kann, setzt

voraus, class man  zwischen einem »inneren    « und einem »auBe ren« Aspekt des Han­ delns unterscheiden muss. D er innere Aspekt, wie immer er im einzelnen beschrieben werden  mag,  (»H andlungsen twurf<<  bei WEBER,  »argumentationsvorbereitender                                         Akt« bei HABERMAS, »Entworfensein im H inblick auf Motive« bei SCHUTZ, »B ildung der In­ tentionalitat der Handlung « bei v.W RIGHT), ist immer als diejenige Komponen te auf­ zufassen, die das Handlungsziel und seine  zweckhafte  Konkretisierung  vorstellungs­ maBig antizipiert . Der auBer e Aspekt wird allgemein als die beoba chtbare »tatsachliche zwec khafte Handlu ngsrealisierung, als Verwirklichung des vom Handelnd en vorstel­ lungsm aBig konzipierten Zieles und Zweckes« (GIRNDT  196TJO)  aufgefasst.  Entwurf und Verwirklichun g sind in der hier vertretenen intention alistischen Auffassung von Handeln – im  Gege nsatz  zu  kausalistischen  oder  systemtheoretischen –  nicht  als  kau­ sal oder  funkti onal  aufeinander  bezogen  zu  verstehen,  sond ern  als  Grund  und  Folge in einem Bedin gungsverh altnis stehend.

Der Prozess der Ziel- und Sinnorientierung von H andeln <lurch einen Aktor kann ebenso wenig als vo llig beliebig, noch als vollig determiniert betrachtet werden. Ziel­ intendierend e Handlungsentwiirf e resultieren vielmehr7 aus einer mehr oder weniger bewussten subj ektiven Interp retation des gesellschaftlich akzep tierten, mit objektiver,

d. h. hier int ersubjektiv akzeptierter, Giiltigkeit versehenen und vom  Handelnden nicht unmittelbar beeinflussbaren Bedeutungszusammenhanges. Dieser soll als ein ge­ sellschaftlich und kulturell vorbereiteter O rientie rungsraster (Selektion sfaktor) auf­ gefasst werd en, der bestimmte Werte, Normen und Postulate (idealer Aspekt) umfasst, die im sozialen Status und den en tspr echend en Rollen mehr oder wenige r konsistent

7      Vgl. WEBER (1980: rff.) .

Methodologische Probleme  han dlungstheoretischer Stadtforschung            151

definiert sind, sowie iiber Institutionen und Lebensformen stabilisier t und eingeiibt auftreten. Dieser  sozial-kulturell  vorgegebene  Disposi  tionsfonds,  der iiber  Sozialisa­ tion vermittelt wird, grenzt den for den Hand elnden verfiigbaren H andlun gsspielraum moglicher Ziel-  und  Zwecksetzung  ab,  ohne  ihn  aber  zu  deter  minieren.8  Indem  for den Handelnd en erst der von ihm interp retierte »objektive« soziale Sinn handlun gs­ orientierend  wird, sind  seine  Han dlungen  von  seinem  »subjektiv  gemeinten  Sinn<< (WEBER 1980:rff.) geleitet. Da den andern Gesellschaftsmitgliedern der »obje ktive« Sinnzusammenhang  ihrer  Zugehorigkeitsgesellschaft  prinzipiell  auch   zugang lich   ist, gilt es  in  erster  Linie  die  subjektiven  Interpretationsvorg ange  nachzuvollziehen ,  um die Handlungen ander er verstehen und  erklaren  zu  konnen.Weil  sich  diese  H andlun­ gen der andern auf  einen  geme insamen  objektiven Sinnzusamm  enha  ng  beziehen,  ist ihr Sinn als auf intersubjektive Art und  Weise  empirisch  erschlieBb ar  zu  betrachten  .9 Die   korrekte  SinnerschlieBung  stellt  v. a.  ein   fundam en tales method   ologisches Pro­

blem dar.

Zur Methodologie verhaltens- und handlungsorientierter Ansatze

Unter Methodologie soll hier die Lehre der wissen schaftlichen Methoden bzw. der wissenschaftlichen Verfahren der Erkenn tnisgewinnun g verstand en wer den. In dieser allgemeinsten Bedeutung umfasst dieser Begriff sowohl den rein logischen Aspekt des korrekten SchlieBens (der Methodologie i.e.S. definiert), wie auch den – allerding s darauf abzustimmenden – Aspekt der Techniken der Datenerhebung.

Hinsich tlich des logischen SchlieBens sind Erklarungen menschlichen Tuns in der Beschreibung von »V erhalten «10 offensichtlich auf das von v. WRIGHT (1974) als Sub­ sumptions- Theorie der Erklarung bezeichnete Erkenntnisverfahren ausgerichtet. Verhal­ ten soll, dem naturwissenschaftlichen Ideal entsprechend, kausal erklart werden; d. h., class es mittels Sinnesdaten, die iiber die Techniken der direkten Beobachtung objektiv und kontrollierbar erfasst werden, festzustellen gilt, auf welche R eize (= U rsache als Wenn- Kompone nte der Erklarung) regelmaBig welche Verhaltensreaktionen (= Wir­ kung als D ann-Komponente der Erklarung) folgen. Ohne hier ausfiihrlich auf die Hempelsche Theorie der Kausaler klarung eingehen zu konnen, sei hier nur darauf hingewiesen, class ihr Grundprinzip »i n der Subsumption (Unterordnung) individu­ eller Sachverhalte unter hypo thetisch angeno mmene allgem eine Naturgesetze, ein­ schlieBlich der Gesetze der menschlichen N at ur« (v. WRIGHT 1974:18) zu sehen ist. Das Zu-Erklarende (Explanandum) wird dabei unter empirischer Erfassung all seiner for die Problem stellung relevanten M erkm alsei genschaften unter das Erklarende, das allgem eine Gesetz (Expl anans) zu subsumieren versucht. Gelingt die Subsumi eru ng

8 Vgl. v.W RIGHT (1980: 67£.).

9    Vgl. R ICKERT (1929).

IO Vgl.W ATSON (1968:13ff.).

152          O ntologie und Methodologie

der zu erklarenden empirischen Einzeltatsache11 unter das Gesetz und die Randbe­ dingung, dann gilt das Gese tz als verifiziert (bzw. als noch nicht falsifiziert) und die Einzeltatsache, z. B. ein bestimm tes empirisch festges telltes Verhalten, als erklart. Die Verkniipfung der Prami sse n, die schlieBlich die Erklaru ng ausmacht, erfolgt bei der Subsumption nach der Regel des modus ponens:

(MP) immer wenn (ein R eiz) p, dann (ein Verhalten) q

nun (Reiz) p

also (Verhalten) q

Mit anderen Worten: Das Verhalten q geschah, weil der R eiz p aufgetreten ist; dam it soil darauf aufm erksam gemacht sein; class Kausalerklarungen in die Vergangenhe it we1sen.

Die Antwort en auf die Frage, ob mensc hliche Tatigkeiten in der Beschreibun g als Handeln  rnit  diesem  Erkenntnisverfahren  auch  erklart  werden  ki:innen,  urnfassen  in der aktu ellen methodologischen Fachdiskussion von klarer Bejahung bis zu strikter Verneinung alle m i:iglichen N uancie rungen.12 Verbannt man den Aspekt der Intentio­ nalitat nicht mittels R ationalitatsannahm e vom Typ des homo- oeconomicus  in  den Bereich des ceteris- pa ribus,13 dann weist dieses kausalistische Erkenntnisverfahren  for Han dlungserklaru ngen erhe bliche Mangel auf; denn Handeln gilt es adaq uat mittels Intentionen, Zielen und Zwecken teleologisch z u erklaren und nicht bloB mitt els erfah­ rungsmaBig festgeste llter Ursache-Wirkungs-Muster.  Handeln  als  in tentionales  Tun weist iiber den Aspekt  der Absicht  in  die  Zukunft:  p  (die  Handlung)  geschieh t,  dam it q (das Handlung sergebnis) e i ntrete; beim Handeln int eressie rt also nicht das »Wei l« im Sinne der Kausaler klarung, son dern das »D arnit / Umzu« im Sinne der teleologischen Erklaru ng.

In der Begriffiichkeit der Logik und in der Argum entation v.W RIGHTS (1974:83 ff.) ki:innen diese zwei Erklarungsarten  dadurch  abgrenze  nd  charakterisiert  werden,  class die gese tzmaBigen Verkniipfungen der Prarnissen in der Kausalerkliirung Relation der hinreichenden Bedingtheit, die in der teleologischen Erkliiru ng hingegen solche der not­ wendigen Bedingtheit darstellen.

Zur Kausalerkliiru ng:

Die Feststellun g, class ein Sachverhalt p for q eine hinreichende Bedingung ist, bedeu­ tet (vereinfacht ausgedriic kt), class immer wenn p vorkommt, auch q vorkomm t: Das Vorkommen von p reicht hin , um  q sicherzustellen –  einer bestimmten U rsache folgt in deter rninierter, gesetzmaBiger Weise eine bestimmte Wirkung.

n Vgl. PmM & TILMAN (1979: ro off. ).

12 Vgl. M ITTELSTRAB (1979), B ECKERMANN (1977) , LENK (1978, 1979). 13 Vgl. H ABERMAS ( 19 7 0:1 27), AL BERT (1964:22ff.).

Methodologische Probleme han dlungstheor etischer Stadtforschung            153

Bsp.: lmm er wenn das spezifische Gewicht eines Ki:irpers  <  1, dann  schwimm t er auf der Wasseroberffache.

Zur teleologischen Erkliirung:

Die Feststellung, class ein Sachverhalt p for q eine notwendige Bedingung ist, bedeutet (vereinfac ht ausged riickt), class dasVorkommen von q dasVorkommen von p erfordert , bzw. voraussetzt: Darnit q vorkommen kann , ist p no twen dig – der Grund bleibt be­ deutung slos, wenn nicht iiber Handlung eine Folge verwirklicht wird.

Bsp.: (A) renn t, um den Zug noch zu erreichen.

Um  diesen  Unterschieden  in  den  logischen   Relationen   zwischen   Naturereignissen und int endiertem Tun R echnung zu tragen, schlagt v. W RIGHT for Handlungserkla­ rungen als  Regel  des  SchlieBens  und  als  »methodische  R egelung  der  Handlungsdeu­ tu ng« (SCHWEM MER 1979: 37) den praktischen Schluss (PS) vor:

(PS) A beabsichtigt q herbeizufohren.A glaubt (weiB), class er q nur dann herbeifohren kan n, wenn er p tut. Folglich macht sich A daran, p zu tun.

Daraus dii rfte klar hervorgehen, class »<las Verstandnis, das ein solcher  praktische r Schluss  (von Handlungen) liefert, keine Kausalerklarung ist« (SCHNEIDER  1979:219), da  es nicht auf die Kontrolle, Manipulierbarkeit und Voraussage menschlichen Tuns aus­ gerichtet ist, sondern ein Verfahre n darstellt, <lurch das sich das Verstehen von  Hand­ Jungen schem atisieren lasst. Ob aber dieses Schema for die Sozialwi ssenscha ften tat­ sachlich dieselbe Stellun g einnehmen kann, wie die Kausalerklaru ng bei den Natur­ wissenschaften   einnimm  t,  bleibt   in   der  methodologischen  Literatur,  in  Widerspruch zu v.WRIGHT, zurzeit sehr umstritten .14 Einerseits wird ganz radikal die logische Giil­ tigkeit dieses Schlusssch emas angezwe ifelt (ME GGLE 1977:425) und andererseits wird nachdriicklich darauf hingew iesen, class man , bevor dieses Schema  korrekt  anwendbar wird, bereits all die semantisch en Vorleistun gen zu erbring en hat, die einen sinnvollen Bezug der Prarnissen auf die  Konklusion  erst  erm i:iglichen,  bzw. die  Anwendung  des (PS) gegeniiber den sem anti schen Vorleistungen kein Zugewinn an Erkenntnis leistet. Einigkeit   scheint   zumind est   unter  handlungsinteressierten   Methodologen   aus   dem  int en tional argumentierenden Bereich dariiber zu bestehen, class Kausalerklarungen Handlungen nicht in angebr achter Weise wiedergeben ki:inn e n (notwendige Bedingt­ heit!), und class  korrekte  Erklarungen  von  Handlungen  nicht  Daten  der  sinnlichen Wahrn ehmung allein als Ba sis ak zeptieren ki:innen,  sondern  Ergebnisse  des  semanti­ sche n Symbolverstehens;15 mit anderen Worten: es gilt den Sinn der Handlungen auf intersubjektiv kontrollierbare Weise – und der Int ention des Handelnden entspre-

14 Vgl. MEGGLE (1977), STEGMULLER (1975), BECKERMANN (1977). 15 Vgl. H ABERMAS (1970: 140).

154          Ontologie  und Methodologie                Methodologische Probleme handlungstheoretischer Stadt forschung                155

chend – zu interpretieren, also Absichten menschlichen Tuns (semantisch) verstehend und (teleologisch) erklarend zu erfassen und ihnen in der  gesellschaftlichen  Praxis, nicht zuletzt auch in der Lebensraumplanung in stadtisch en und and eren Bereichen, gerecht zu werden.

Stadtforschung als Wissenschaft vom gesellschaftlichen Handeln

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit  dem  Phanomenbereich  Stadt  war  im Rahmen  der  Geographie  bis  in   die   r97oer-Jahre  stark  von  der  bloBen  Beschreibung und  Aufzahl ung  empirischer  Fakten   gekennzeichnet;16   mit   anderen  Worten:  Sie  war von  einem  Sachbezug  ohne  sozialen  Kontext  gepragt.  Heute  bezieht  sie   sich   im Rahmen der  Sozialgeographie,  neben  verhaltenstheoretischen  Fragestellungen,  vor­ wiegend   auf   okonomisch   optimale    Flachennutzungsraster   hinsichtlich    zweck-ratio­ nal  vorgehender  Aktoren,17    und  klamm ert  so  das  prakt ische  Alltagshandeln  aus  det    T heori e  aus.  Der   heutig e  Stand   der  soz iologischen  Theoriebildung  hingegen   kann mit HANS LINDE (1972) dadurch gekennzeichnet werden, class er sich den gesellschaft­ lichen Kont ext  ohne Artefakte  (vom  Menschen  geschaffene  Dinge)  vorstellt,  also  kei­ nen  Sachb ezug –   in  der  Stadtsoziologie  etwa  zur  bebauten  Umwelt  aufweist. Ferner    ist darauf hin zuweisen, class H andlung stheorien bisher ganz allgemein von der ar  urfr.: lichen  Dimension  abseh en. Die   Idee, soz ialgeographi  sche  Stadtforschung  mit  einem han dlungstheoretischen Ansatz zu  betreiben,  sieht  sich  somit  vor  diesen  doppelten Mangel der Theoriebildung in Geographi e und Soziologie  gestellt.  Als  einen  ersten Versuch, diese H indern isse zu i.iberwind     en, kann man auf der Seite der Sozialgeogr i + phie die Vorschlage von DIETRICH B ARTELS (197oa:33 und 1978) und PETER SEDLACEl<‘

(1 9  82  : 191)  betrachten , die die in den jeweiligen  H andlung sraumen   und for jeden Ak­ tor  unterschiedlich  anfallenden  und  erreichbaren  mobilen   und   immobilen  Artefakte (als konstitutive Elemente der Kulturlandscha ft) gleichzeitig als P rodukt / Folge und Bedingung menschlichen Handelns auffassen. Jede Stad t ist dann in konsequemef Weiterfohrung dieser Sichtweise und der in Abschnitt 2 en tw ickelten  Begrifflichkei sowohl in ihrem bebauten, materiellen Aspekt, als auch als von Institutionen gepragter Lebens form , als ein Ergebnis vergan gener menschlich er H andlung en und Feld der Bedingungen/Mittel aktueller oder ki.inftiger H an dlungen zu betrachten.

Im Sinne einer erste Differenzierung dieser Anregung zu handlungstheoretisc t Betrachtun gsweise im sozialgeographi schen Kontext ware zu beachten, class Artef

und Institutionen for Aktoren in hochst untersc hiedlichem MaBe einerseits Bedingu

gen  und  andererseits  Mitt el des H andeln s sein konn en; Bedingung en  konnen  <lurch  .:. aus zur strukturellen Gewalt werden, wie dies SENG HAAS beschreibt; als Mittel sind di·e zur Zweckerreichung ausgewahlten, zur Verfiigung stehenden/ moglichen

16 Vgl.V ETTER (1980).

undVor gehe nsweisen anzusehen. Diese Differenzierung wiirde for die Stadtforschung bedeut en, class man z. B. i.iber die Beschreibung und Erklarung der Entstehung der sozial en Segregationsprozesse hinausgehen muss, und sich vermehrt deren Folgen als Bedingun g/ Mittel for Handelnde zuwendet. Hypoth etisch formuliert konnte man davon ausgehen, class je niedriger die Position des Handelnden in der Klassen- und Statushierarchie und je niedriger die Position seines Handlungsstandortes in der Zen­ tralitatshierarchie ist, umso mehr Elemente von Handlungssituatio nen zu  Bedingun­ gen und urnso weniger zu Mitteln seines H andeln s werden. In diesem Aspekt der Weiterfiihrung geht es also darum, die Machtkom ponente als Verfogungsm oglichk eit i.iber raumstrukturierende Artefakte und Institutionen zu beri.icksichtigen und in die theoreti schen O berlegun gen mit einzubeziehen.

Die zweite mogliche Erganzung  for  die  Sozialgeographie  wird  vom  Soziologen HANS LINDE (1972) unter Bezugnahme auf EMILE DURKHEIM und KARL MARX ange­ sproch en. Mit der Frage »Sind in den Sachen (Artefakten) bereits Grundzi.ige der ge­ sellschaftlichen Ordnung angelegt« (LINDE 1972:8) macht er darauf aufmerksam, class jedes Artefakt, also jed e Sache, die vom Menschen hervorgebracht wird/wurde, be­ stimmte Zweck/ Mittel-R elationen vo rgibt, die  bei  <le ssen  Gebrau ch  nicht  beliebig und  meist  nur  sehr  beschrankt  uminter pretiert  werden   konnen;  d. h.  jedes  Artefakt, das sachgemaB for Handl ungen verwendet wird, verlangt vom Benutzer, class er eine bestimm te »G ebrauch sanleitung « i m Sinne des Erdenkers und Erbauers einh alt.  In diesem Sinne kann man Artefakten auch  die  Bedeutung  von  instrumentellen  Insti­ tutionen  zuordnen  .  Aus  den  vorgegebenen   Zw eck/  Mittel-R elationen   entwick eln sich bestimmte typische H andlun gsmuster, die selbst i.iber die Handlungen der Sach­ nutzung hinaus (vgl. die gesellschaftlichen Auswirkungen  der:  ind ustriellen  Techno­ logie) for die Sozial- und Raumstruktur Bedeutung erhalten. Primar  ware  bei  diesem Aspekt der Erweiterung immer  davon  auszugehen,Artefakte  als  »G  ussform en,  in  die wir unsere Handlungen gieBen mi.issen«  (D URKHEIM  19 61: 126)  zu  betrachten  und sie in  dieser  Perspektive  als  raumstrukturierende  und  handlung  sleitende  Sachverhalte zu analysieren. Wie schw ierig und zwingend dieses »M i.issen « we rd en kann, erleben insbes on dere Personen mit korperlicher Beeintrachtigung. Das »Mussen«  kann  dan n leicht zur Grundlage des sozialen Ausschlusses werd e n.

Diese ersten zwei Erweite rungsvo rschlage sollen aber nicht die Vermutung auf­ kommen lassen, class Artefakte nur im rationalen Sinne for zweckmaBige H andlun gs­ ablaufe sinnori entier end sein konne n. Artefakte und  Dinge  im  Allgeme inen  konnen auch mit symbolischen Sinnbezi.igen belegt sein und so for Handlun gen einen , insbe­ sonder e im R ahm en der komplexen urbanen Lebensform , wichtig en Orientierungs­ gehalt au:fweise n.18 Damit ist die Bedeutung der sy mbolischen Bezi.ige zur Stadt als Bedingun g des H and elns angesprochen. Der Prozess, in dem die »m aterie lle Umwelt zum Symboltrager soz ialer Beziehung en wird« (SIEWERT 19 7 4:147) wurde in der Zeit nach PARETO, SIMMEL und  H ALBWACHS in sbesond ere <lurch die Arbeiten von TREINEN

17   Vgl. CARTER (1980  ).                                                                                                                                                                   Vgl. SIEWERT (1974:1 45f.).

156          Ontologie und Methodologie

wieder zum Thema neuerer Theoriediskussion. GEORG SrMMEL (1908:635£.) wies be­ reits darauf hin, class Orte deshalb viel groBere assoziative Krafte entfalten konnen als Zeitpunkte, weil sie das sinnlich Anschaulichere sind.

Dieser Gedanke wurde dann in der franzosischen Sozialmorphologie von MAURICE

HALBWACHS (1967) aufgegriffen, der ihn zur Folgerung fiihrte, class »die stabile auBere Form der Stadt  als  gemeinsame  Erinnerung  aller  Stadtbewohner  ein  verbindliches Element bedeute« und damit einen Hinweis lieferte, wie als Raum  empfundene  Sach­ verhalte im Handlungsentwurf von Bedeutung sein konnten. HANS TREINEN (1974) schlieBlich befasste sich starker mit dem Prozess, mit dem Gegenstanden symbolische Bedeutung i.ibertragen wird. Er zeigt in empirischer Aufarbeitung derThese VrLFREDO PARETOS (1917:555ff.), class, falls Handlungen wiederholt in gleichen Situationszusam­ menhangen  stattfinden,  bzw.  eine  Persistenz  der  Beziehungen  eines  Menschen  mit andern und mit Orten gegeben  ist, soziale  und  ortliche  (materielle)  Merkmale  unauf­ loslich  miteinander   verbunden   werden.  Die   Ortlichkeit,  bzw.  ihre  Benennung   kann    so zum Symbol for Handlungen werden und zu spateren Zeitpunkten zu Orientie­ rungselementen fiir neue Handlungen Bedeutung erlangen:  als  handlungsintegrative Elemente beim sog. Heimatgefiihl oder als normative Komponente derart, class bspw. nichtreligiose Handlungen an sakralen Statten mit negativen Sanktionen belegt wer­

den konnen.

Wenn sich die sozialgeographische Stadtforschung nur fiir die materiellen Eigen­ schaften und Typen der bebauten Umwelt interessiert, oder diese nur als Reizpalette raumlichen Reaktionsverhaltens versteht, dann blickt sie an der sozialen Bedeutung des materialen Bereichs fiir die Handlungen ihrer Bewohner vorbei. Denn jede zu­ treffende Beschreibung und Erklarung gesellschaftlich relevanter Sachverhalte (und zu denen kann wohl auch der Basisbereich der Sozialgeographie gerechnet werden) setzt zunachst eine theoretische Durchdringung menschlicher Aktivitat voraus;19 auf die­ ser handlungstheoretischen Durchdringung aufbauend, sollen dann die empirischen Studien die Bedingungen und Mittel des Handelns im immaterialen und materialen Bereich fiir die jeweiligen Aktoren differenzieren, die immanenten Zweck/Mittel­ Relationen von Artefakten aufdecken und in die entsprechenden Handlungskontex­ te stellen und schlieBlich sollten sie auch den symbolischen Sinngehalt raumlicher Umgebung als Faktor der Sinnorientierung aufarbeiten. Mit welchen Methoden und

empirischen Techniken ist das zu erreichen?

19 Vgl. SCHUTZ & PARSONS (I97T26ff.).

Methodologische Probleme handlungstheoretischer Stadtforschung             157

Methodologische Probleme handlungstheoretischer Stadtforschung in der Sozialgeographie

In der kurzen Besprechung des (PS) in Abschnitt 3 zur Methodologie verhaltens- und handlungsorientierter Ansatze sollte gezeigt werden, class sich handlungsorientierte Methodologie nicht wie subsumptionstheoretische Erklarung auf objektiv kontrollier­ bare Sinnesdaten der direkten Beobachtung beziehen kann, weil aus ihnen allein die Absichten, die Ziele und Zwecke des Handelnden nicht erschlossen werden konnen, sondern nur sich hinreichend bedingende und determinierende Ursache-Wirkungs­ Muster. Fi.ir den (PS) stellt sich aber die entscheidende Frage darin, wie  »auf empi­ risch i.iberpri.ifbarem Wege die Pramissen und die Konklusion in ihrer (dem Sinn des Handelnden entsprechenden) Wahrheit zu begri.inden sind« (SCHWEMMER 1979:22). Der (PS) verlangt also nicht nach Techniken der Beobachtung naturwissenschaftlicher Praxis, sondern nach »methodischen Regeln der Handlungsdeutung« (SCHWEMMER 1979:36) im Rahmen eines interpretativen Paradigmas,20 mit dem Intentionalitat auf intersubjektiv kontrollierbare Art empirisch nachgewiesen werden kann.

Welche Methodik erlaubt dies?

Man konnte nun leicht der Auffassung sein, man brauche  nichts  anderes  zu  tun, als die Handelnden selbst nach ihren Absichten zu fragen, also die Befragung fiir die angebrachte Technik zu halten, um Intentionen, Einstellungen und Meinungen von Handelnden wissenschaftlich erfassen zu konnen. Dazu werden aber von vielen Me­ thodologen erhebliche Bedenken angemeldet und die Auffassung, class Befragungs­ ergebnisse eine verlassliche Darstellung von Intentionen ermoglichen, nut starken Zweifeln belegt. V. WRIGHT (1974:107£.) weist provokativ darauf hin, class es keines­ wegs gewiss ist, »class ich selbst (bzw. die befragte Person) der beste Kenner meiner eigenen Intentionen bin«. Zudem kann der Befrager nie volle Gewissheit haben, class ihm der Antwortende die Wahrheit sagt, und class die befragte Person ihre Einstellung zu einem spateren Zeitpunkt und an einem anderen Ort auch in ein entsprechendes Handeln umsetzt. Die befragte Person kann ihre Absicht andern oder auch  ganz ein­ fach vergessen. Diese hier nur kurz angedeuteten, aber offensichtlichen Mangel der Datenbasis der Befragung sind so grundlegender Art, class sie wohl durch keine statisti­ schen, informatischen oder technischen Krafti.ibungen 21 auszugleichen sind. EBERHARD MtiHLICH (1978:103ff.) weist ferner darauf hin, class der Befragte i.iber die Fragefor­ mulierung von vorneherein in einen Argumentationskontext gesetzt wird, der eine selbststandige AuBerung i.iber die eigenen Absichten und Einstellungen, wenn auch nicht ausschlieBt, so doch erheblich einengt. 22

Die Autoren, die die Befragung als technische Mittel zur empirischen ErschlieBung von Intentionen ablehnen, konnen allerdings noch keine ausgearbeiteten Alternativen

20 Vgl.WrLSON (r973:54ff.). 2I Vgl. HOLM (1975-1979).

22 Vgl. CrcouREL (1974:rroff.).

158          Ontologie und Methodologie

an bieten , deuten aber wenigstens die Richtung an, in der sie die Ausarbeitung ada­ quater empirischer Verfahren for moglich halten. Als Vorausse tzung zur Entwicklung einer handlungstheo retisch int egrierbaren Methodik gilt es, me nschli ches H ande ln als eine sym bolische Geste aufzufassen, deren Prozess der Sinnorientierung und deren Bedeutung es <lurch den Forscher zu  (re-)konstruieren bzw. zu decodieren  gilt. Dazu ist aber ein entsprechender Schlussel not wendig, d. h. es gilt den objektiv en sozialen Sinn zu erkennen, an dem sich der Handelnde for sein Tun in der Gesellschaft orien­ tiert.Wer also H an dlungen eines andern auf kontrollierbare und wahre Art und Weise interpretieren will, sollte die »in tentionsvermitt elnde n« Institutionen kennen, deren Ausdruck das zu erforschend e Handeln ist; der Int erpretierende sollte demzufolge

i.i ber  die  Lebensform,  der   sich   ein  Aktor   zurechnet,  in   wissenschaftlicher logie Bescheid wissen, sodass H an dlun gsunregelrnaBigkeiten in ihrem soziai-” uu

len Kontext moglichst eindeutig begriindet werden konnen. Aus diesen Kenn tnissen konnen dann hypothetische Satze formu liert werden, die es plausibel machen konneh

»daB (A) q herbeifohren kann, und daB er weiB, da/3 er zu diesem Zweck a tun (v.WRIGHT 1974:105).

Die hier erwahnt en M ethodologen auBern sich also nicht dazu, mit welchen pirischen Forschungstechniken die entsprechenden Daten zu erheben sind.

MITTELSTRAB’ (1974:29ff.) Ausfohrungen weisen abe r dar auf hin, dass das Erleben von H andlungskont exte n zum empirischen Prinz ip werden sollte. Diese regung kann so verstanden werden, dass die »teilnehm ende Beobachtung« und Umstanden die so genannt e »biograph ische Methode«, die in Anthropologie Ethnologie eine langere Tradition aufvveisen, zurnindest bis zur Entwi cklung Technik en, als sinnvolle Inst rumente betrachtet werden konnen, um

maBigkeiten und ihre entsprechenden Ziele/ Zwecke zu ergriind en. Der

von ALAIN TouRAINE (1980), die Technik der »intervention sociologique«, stellt

Art engagierte teilnehmend e Beobachtun g, rnit einem groBtmoglichen Partizipa6nnL grad23 dar. Es geht bei diesem Vorgehen darum , aus groBeren sozialen Gruppen T0URAINE insbesondere solche, die sich in gesellschaftlichen Konfliktsituationen

den, wie etwa die aus unteren Schichten) Klein gruppen zu bilden und rnit ihnen moglichen Handlun gsstrategien durchzusprechen, die zur Verbesserung ihrer Lage, weitesten Sinne, fohren konn en. Auf diese Weise so llen ihre Ziele auf

kontrollierbare Weise erkannt werden, ihre Bedingungen des H and elns erlebt und Mittel for das pr aktisc he Vorgehe n erarbeitet werden. Wenn rnit TouRAINEs

noch nicht geni.igend Erfahrungen gesammelt worden sind , um mehr als eine flachliche Beurteilung zu er moglichen, zeigt er aber trotz allem eine

gagiert er handlungstheoretischer Sozialgeograph ie v. a. auch im Stad tbereich auf, er kann nati.irlich auf andere soziale Gruppen ebenso angewendet werden: z. B. che, die sich mit den eigenen Lebensbedingungen in Stadtquartieren

zen, auf zu integ rierende Fli.ichtlinge usw.

23 Vgl. ATTESLANDER (197s:15off.).

Methodologische Probleme handlungstheoretischer Stadtforschung              159

Fo lg  e ru ng e n

Es di.irfte klar geworden sein, dass handlun gstheoretisch e Stadtforschung nicht beab­ sichtigt, kausalistische Gesetz maBigkeiten aufzustellen, mit denen menschliches Tun vorhersagbar wird. Ihre besonderen Aufgaben im empirischen Bereich sieht sie in der alltagsori entierten Lebensraumanalyse sowie in der theoriegeleitete n und im Sinne der Benutzer intention sgerec hten Lebensraumgestaltung. Sie konnte unter Umstanden  so darauf aufinerksam machen, dass auch in urbanen Lebensraumen, im privaten wie im offentlichen Bereich, Flachen rnit M oglichkeiten zur freien Intentio nsverwirklichun g offengelassen werden sollten ; etwa in dem Sinne, wie EMMANUEL LE Roy LADURIE (1978) ford ert, dass Stadtbewohner die Moglichkeit  bekommen  sollten,  wenigstens kleinere Teile ihrer Umwelt nach ihrem Belieben immer wieder neu zu gestalten . Dies wiirde zun achst voraussetzen, bebaute U mwelt  und  die  iibrigenArtefakte  im  R ahmen der Stadtplanung nicht nur unt er dem Gesichtspunkt des okonornisch Optimalen und Funktion ale n zu betr ach ten und sie aus der Sicht der soz ialwissenschaf tlichen Analyse nicht als tote Masse zu  sehen,  sondern  in  ihrer  Bedeut ung  for  die  Sozialstruktur  und das lebenspraktische Handeln.

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